Hustensaft
Beim Abendbrot sitzt mein zweijähriger Enkel mir gegenüber auf dem Schoß seiner Mama. Er beobachtet genau, wie ich mit meiner Mama umgehe. Das ist seine Uroma, die neben mir sitzt.
Sie hustet ein wenig. Hat sie sich verschluckt, oder ist das der Anfang einer Erkältung?
„Alles gut?“, frage ich. Sie nickt und hustet fleißig weiter.
„Hände hoch!“, sage ich lachend. „Dann kommt mehr Luft in die Lunge.“
Sie lächelt und reißt so schnell es mit ihren knapp 90 Jahren geht, die Arme hoch. Dann klopfe ich ihr leicht zwischen die Schulterblätter. Wir beide sind miteinander beschäftigt, aber ich merke sehr gut, dass ich unter Beobachtung stehe.
Als die Mama immer noch nicht aufhört zu husten, wird es Zeit, dass ich Abhilfe schaffe. Ich gehe an den Arzneischrank im Bad und hole die Flasche Hustensaft, die für solche Zwecke dort ihr Plätzchen hat. Die Äuglein des Enkels verfolgen mich genau. Bevor ich zurück komme, nehme ich noch einen großen und einen kleinen Löffel aus der Besteckschublade.
Zum Glück ist Mamas Husten in ein Räuspern übergegangen. Ich lege die Löffel auf den Tisch und zeige auf die Flasche, welcher ich bereits den Deckel öffne, und frage: „Einen großen, oder einen kleinen?“ Sie zuckt die Schultern. „Dann nehmen wir den Esslöffel“, sage ich und lasse meinen Worten Taten folgen.
Nach wie vor merke ich, dass ich nicht aus den Augen des Enkels gelassen werde. „So. Schnäbelchen auf, liebe Mama.“ Ich halte ihr den gefüllten Löffel vor den Mund und sie nimmt gehorsam die Medizin. Ein wenig räuspert sie noch, aber dann ist alles gut. Mit wichtiger Mine und erhobenem Zeigefinger sage ich zu meiner Mama: „Wenn du morgen früh noch hustest, bekommst du nochmal einen großen Löffel von diesem Hustensaft.“
Sie nickt lächelnd und sagt: „Ja, ja. Ist gut.“
Nun drehe ich den Deckel der Flasche wieder zu und schiebe den Hustensaft ein Stück von mir weg in Richtung Mitte des Tisches. Ruhig esse ich weiter, dort wo ich vorhin aufgehört habe.
Nun hält es den Kleinen nicht mehr auf dem Schoß der Mama. Er rutscht runter, umrundet den Tisch und die Uroma und drückt sich dann an mich. Und natürlich nehme ich ihn zu mir hoch. Ist ja schön, wenn der Enkel sich auch auf meinem Schoß wohl fühlt.
„Öchö, öchö“, ich höre, wie er hustet und sehe aus den Augenwinkeln, dass er sich fast vornehm die Faust vor den Mund hält. „Öchö, öchö.“
Ich wende mich ihm zu. „Oh. Hast du auch Husten?“ Er nickt heftig und ich klopfe ihm auf den Rücken.
„Öchö, öchö.“ Er hustet weiter und reißt dann die Arme in die Höhe. „Öchö, öchö, öchö, öchö.“ Der Kleine kriegt sich fast nicht ein. Dabei sehe ich ein verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht. Seine Mama und ich schauen uns kurz an und zwinkern. „Öchö, öchö.“ Der Kleine hustet weiter. Den Blick fest auf die Hustensaftflache gerichtet.
„Ich glaube, du brauchst auch Hustensaft“, sage ich zu ihm und greife nach der Flasche. Er nickt heftig und die kleinen Händchen greifen schon nach dem kleinen Löffel, der noch neben mir auf dem Tisch liegt.
Fasziniert beobachten kleinen Äuglein jedem Handgriff, den ich jetzt ausführe. Ich weiß, dass dieser Saft völlig ungefährlich ist und in dieser Menge auch einem Zweijährigen nicht schadet, der offensichtlich gar keinen Husten hat. Vorsichtig und doch etwas skeptisch nimmt er dann die kleine Portion Hustensaft vom Löffel. Dabei verzieht er keine Mine.
Kaum geschluckt, geht es wieder los. „Öchö, öchö.“ Seine Äuglein blinken mich an.
„Was ist? Du hustest ja immer noch.“ Er nickt heftig mit dem kleinen Köpfchen und ich tröste ihn mit den Worten: „Wenn du morgen früh noch hustest, bekommst du nochmal einen kleinen Löffel von diesem Hustensaft.“
„Öchö, öchö“, macht er, rutscht von meinem Schoß runter und steuert seine Mama an.



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