Auf Eis gelegt
Sie schmunzelt in sich hinein. Wie ein Gockel stolziert er seit Tagen um sie herum. Er hat sich angestrengt und extra für sie mehr Sport gemacht und weniger gegessen. Jetzt hat er einige Kilos abgenommen und fühlt sich richtig gut.
„Zehn Kilo sind es jetzt“, raunt er ihr ins Ohr. Dabei dreht er seinen Ehering, der ziemlich locker auf dem Ringfinger sitzt.
„Glückwunsch! Das ist wunderbar.“ Lächelnd genießt er, wie sie sich im zuwendet und seine herrliche Brustmuskulatur streichelt. „Deinen Ring müsstest du jetzt aber am Daumen tragen.“
„Ach was. Das geht noch. Wenn ich noch ein paar Kilo weniger wiege, dann mach ich das.“
Einige Tage später sitzen die beiden Partner gemeinsam am Tisch und verspeisen ihre Mahlzeit. Als er fertig ist und sein Besteck auf den Teller legt, schaut er sie, wie um Verzeihung bittend, an.
„Was ist?“, fragt sie ihn.
Er zeigt ihr seine Hände und fragt: „Fällt dir etwas auf?“
„Nein. Was soll mir auffallen? Brauchst du ein Pflaster? Hast du dich verletzt?“ Ausgiebig inspiziert sie seine Hände.
Zerknirscht antwortet er: „Mir fehlt mein Ring.“
„Oh. Hast du ihn schon gesucht?“ Sie blickt ihm fragend ins Gesicht.
„Überall, wo ich es mir denken kann.“ Er zuckt die Schultern. „Aber ich habe ihn noch nicht gefunden. Kannst du mir helfen?“
„Klar. Natürlich. Gleich.“ Sie steht auf und beginnt, den Tisch abzuräumen. Er nimmt den Rest des Geschirrs und stellt es in die Küche. Gemeinsam räumen sie auf. Es fällt ihr auf, dass er wie Hündchen ihre Gegenwart sucht. Sein schlechtes Gewissen kann sie fast spüren.
Bei der Suche gehen sie nach ihrer Struktur vor. In allen Räumen der Wohnung werden die Schränke inspiziert und jede mögliche Schublade geöffnet. Auch das Papier und die Zeitungen auf dem Tisch nehmen sie einzeln auseinander und legen sie auf einen neuen Stapel.
Stunden später sitzen sie frustriert auf dem Sofa. Er hängt den Kopf. Sie haben auch zu zweit nichts gefunden. Auch nicht in den Jacken- und Hosentaschen, die auch noch von innen nach außen gekehrt haben.
„Mein schöner Ring“, jammert er. „Jetzt fehlt die Hälfte unserer Eheringe. Ich hätte doch auf dich hören sollen.“
Sie ist sehr traurig. Nach weit über 30 Jahren einen Teil ihrer ersten Eheringe zu verlieren, trifft sie tief ins Herz. Trotzdem versucht sie, ihn aufzumuntern. „Vielleicht finden wir ihn, wenn wir nicht mehr danach suchen. Manchmal passiert das ja.“
Tage später überlegt sie, dass sie endlich einmal die Gefriertruhe abtauen sollte. Dazu müssen aber die letzten Lebensmittel herausgeholt und in das Eisfach des Kühlschranks gepackt werden. Hurtig nimmt sie diese vom Boden der Truhe. Da blitzt sie etwas an. Der Ring! Sie nimmt ihn an sich und steckt ihn in die Tasche. Zum Abendbrot legt sie ihn auf seinen Teller.
„Essen kommen“, ruft sie.
Er kommt herbei und setzt sich. Sein Blick fällt auf den Ring. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht fragt er: „Wo hast du ihn denn gefunden?“
Schelmisch zwinkert sie ihm zu. „Du hattest ihn auf Eis gelegt!“
—–
Hast du auch einmal etwas verloren, das du an einer völlig unerwarteten Stelle wiedergefunden hast? Schreib es mir gerne in einem Kommentar.



Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!