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Ferien an der Nordsee

„Soll ich auch wirklich nicht mitkommen?“ Kaum hörbar richtet die Mama ihre Frage an den Papa. Sie hat heute Migräne und der Papa möchte ihr deshalb Ruhe gönnen.

„Nein. Ich schaffe das schon.“ Er winkt seinen vier Töchtern im Alter von 9, 7, 5 und 3 Jahren und geht nach draußen. Seine Älteste zupft ihn am Ärmel und flüstert ihm etwas ins Ohr. Papa nickt und deutet auf seine Uhr. Dann zieht er leise die Tür hinter sich zu.

Draußen lärmen schon seine drei anderen Quirlinge und schubsen sich gegenseitig in Richtung Deich. Papa möchte mit den Kindern eine Wattwanderung unternehmen. Sorgfältig behält er die Kinder im Blick und folgt ihnen mit zügigen Schritten.

Schon nach kurzer Zeit stehen sie gemeinsam auf dem Deich und laufen dann dem Meer entgegen. Plötzlich fängt die Dreijährige ein mordsmäßiges Geschrei an. Sofort geht der Papa in die Hocke und fragt, was denn los sei. Aber die Kleine lässt sich erst einmal lange trösten und umarmen. Nachdem der Papa mit seinem Taschentuch die Tränen und die Nase geputzt hat, zeigt die Kleine auf ihre Füße. Ihre feinen Söckchen und weißen Lackschühchen sind patschnass und mit dicken braunen Flecken übersät.

„Ach, das ist nicht so schlimm,“ sagt der Papa und hilft der Kleinen die Schuhe und Socken ausziehen. „Dann gehst du eben barfuß.“ Als Papa sich aus seiner Position wieder erhebt, bemerkt er, dass die Fünfjährige auf eigene Faust weitergegangen ist. Sie ist jetzt nur noch als Pünktchen am Horizont zu erkennen. Papa brüllt den Namen seines Töchterchens gegen den langsam stärker werdenden Wind. Aber er wird nicht gehört.

„Geh du mit der Kleinen zurück zum Deich!“ In Papas Stimme ist ein Befehlston und das siebenjährige Töchterchen nimmt ihre kleine Schwester fest an die Hand. „Wartet dort. Die Große wird bald kommen“ Papas Finger zeigt auf ein kleines Häuschen direkt hinter dem Deich. Dann dreht er sich um und nimmt mit Riesenschritten die Spur der Fünfjährigen auf. Während er die immer voller werdenden Siele überspringt, ruft er immer wieder den Namen der kleinen Ausreißerin. Endlich scheint sie ihn zu hören.

Sie dreht sich um und kommt ihm entgegengelaufen. In ihren Augen steht ein kleines bisschen Angst und der Papa weiß nicht, ob es wegen dem steigenden Wasser ist, oder wegen seiner drohenden Strafpredigt. Aber jetzt ist keine Zeit um viel zu reden. Papa schnappt sich den kleinen Wirbelwind, setzt ihn auf seine Schultern und geht so zügig wie möglich dem Deich am Ufer entgegen.

Gott sei Dank sind die zwei anderen Mädchen dort geblieben, wo er sie hingeschickt hat. Papa ist froh. Aber was bekommt er da zu hören? Weil die Kleinste kalte Füße hatte, hat die Siebenjährige ihre Jacke ausgezogen und der Schwester die Füßchen gewärmt. Jetzt steht sie schlotternd und mit Gänsehaut in dem immer stärker werdenden, kalten Wind und jammert.

„Mir ist kalt. Ich hab Hunger.“ Von den Schultern des Papas gerade erst auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht, feixt die Fünfjährige: „Ätsch. Ich war ganz weit draußen.“ Bevor die Mädchen sich zanken können, zeigt der Papa in Richtung des Dorfes. Er sieht seine älteste Tochter kommen und hofft darauf, dass sie vielleicht zwei Jacken anhat, von denen sie eine abgeben könnte.

Glück gehabt. So wie immer, hat sich seine Älteste in Zwiebellook gekleidet. Aber sie macht ein bedenklich trauriges Gesicht. „Was ist?“ Papa fragt neugierig und bringt dadurch auch seine Älteste zum Weinen. „Ich habe den Schlüssel vergessen. Und Mama ist einkaufen gegangen, weil es ihr etwas besser ging.“

Oweia. Was ist da zu tun? Papas Stirn legt sich in tiefe Falten. Er überlegt. „Kommt. Lasst uns nun schnell zurück zu unserer Ferienunterkunft gehen. Es wird sich schon eine Lösung finden.“ In der Zwischenzeit ist der Wind zum Sturm angewachsen und Papa muss fast schreien, damit ihn seine Mädchen hören können. Diese haben sich mit hängenden Köpfen bereits auf den Weg ins Dorf gemacht.

Eine starke Windböe versucht dem Papa den Hut vom Kopf zu reißen. Aber Papa ist schneller und drückt ihn tief ins Gesicht. Nichts wie weiter, denkt er und unterstützt seinen Lauf mit den Armen. Da erhascht eine zweite Windböe Papas Hut. Der fliegt ihm eine kurze Zeit voraus und landet dann auf der schrägen Deichseite landeinwärts. Papa rennt seinem Hut hinterher. Er greift nach ihm und fühlt gleichzeitig, dass er den Halt verliert. Mit voller Wucht setzt es den Papa auf sein Hinterteil.

Stöhnend reibt er sich den Po und brummt in sich hinein, warum es wohl ausgerechnet an dieser Stelle so schmierig und glatt gewesen sein musste. Stolpernd geht er zu seinen Mädchen zurück, die in der Zwischenzeit bei ihrem Zuhause auf Zeit angekommen sind.

Dort steht die Mama in der offenen Tür. „Es hat dir wohl jemand geholfen?“ Papa schaut Mama fragend an. „Ja. Aber es wäre wohl besser gewesen, wenn jemand dir geholfen hätte.“

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Es war wieder #Blognacht mit Anna. Dieses Mal habe ich nicht direkt an diesem Abend mitgeschrieben, weil ich im Urlaub war. Aber ich habe den Impuls in mir bewegt und ihn später zu dieser Geschichte verarbeitet. Sie ist eine Erinnerung an meine Kindheit. Hast du auch eine besondere Ferienerinnerung an deine Kindheit? Schreib sie mir doch gerne in einem Kommentar.