Wenn sie groß ist
Ich schaue auf die Uhr. Gleich Abendbrotzeit und danach wird die Kleine wieder abgeholt. Mein heutiger Enkeltag ist dann leider schon wieder vorbei.
Normalerweise bin ich die gesittete alte Dame, die im Altenheim arbeitet und mein Mann derjenige, der im weißen Hemd zur Arbeit geht. Aber wenn sie da ist, sind mein Mann und ich ohne Pause die Therapeuten Nummer eins zur Beschäftigung unserer Enkeltochter im Vorschulalter. Seit ihre Mutti sie heute Vormittag gebracht hat, ist sie unsere Königin, der wir (fast) alle Wünsche erfüllen.
Ich bin ihre Helferin. Gemeinsam sitzen wir auf dem Sessel und ziehen Puppen jeder Größe an. Ob es passt oder nicht, das ist egal. Es wird passend gemacht. Der Opa ist ihr Tröster, der das Puppenbaby im Arm wiegt, weil es doch gerade so weint.
Ich bin ihre Malerin. Am Schreibtisch in meinem Kreativzimmer schwingen wir gemeinsam den Pinsel und malen das Malbuch aus. Danach wische ich selbstverständlich die Farbflecke weg, die daneben gegangen sind. Der Opa ist ihr Bewunderer, der ihre Werke eingehend mustert und sie dafür lobt.
Ich bin ihre Fahrerin. Gemeinsam krabbeln wir durch die ganze Wohnung und schieben die Spielzeugautos von Opa durch die ganze Wohnung. Er macht die Türen auf, damit wir überall durchkommen. Und wenn die Oma nicht mehr kann, dann ist der Opa dran. Der fährt die Autos sogar mit Anhänger.
Ich bin ihre Reiterin. Gemeinsam mit ihr reiten die Pferdchen aus der Kiste um die halbe Welt. Dazu lugt sie in jede kleine Ritze, die sie im Wohnzimmer findet. Opa ist ihr Ziel. Sie muss ihm eine ganz dringende Nachricht bringen, erklärt sie mir wichtig. Der Opa ist nämlich der beste Zuhörer. Niemand kann das so gut wie er.
Ich bin ihre Frisörin. Sie bringt die Haargummis und lässt es dann königlich, gnädig geschehen, dass ich ihr zwei Zöpfchen in die blonden Haare flechte. Dass sie schief sind ist völlig unwichtig. Der Opa muss das Werk gut beachten und dann ein Foto davon machen.
Ich bin ihre Vorleserin. Sie sucht sich ein Buch aus und will auf meinen Schoß. Gemeinsam zählen wir Zwerge, Sterne, Kuchen, Kätzchen, Bäume und viele andere Dinge. Bis sie samt Buch auf Opas Schoß klettert und alles von vorne losgeht. Der Opa kann das besser …
Nach dem Abendbrot muss ich leider die Königin in den Alltag zurückholen. „Ab ins Bad und fertig machen. Die Mutti kommt gleich.“
Gehorsam folgt sie mir. Sie putzt ihre Zähne und wäscht sich die Hände. Dann trocknet sie sich ab und reicht mir das Handtuch. „Oma. Ich bin fertig. Wir können jetzt heiraten.“
„Hm … Aber die Oma ist doch schon verheiratet. Weißt du auch mit wem?“ Ich hänge das Handtuch auf und gehe in die Hocke um sie anzusehen.
Sie überlegt kurz. „Mit dem Opa. Dann heirate ich eben den. Aber nicht so alt. Der muss neu sein.“
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Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man. Hast du so etwas auch schon einmal erlebt? Schreib mir doch gerne deine Geschichte in den Kommentar.






Was für eine herzerfrischende Erzählung von deinem Enkeltag, liebe Edith. Man merkt richtig, wie viel Freude dir und deinem Mann die Enkelzeit macht.
Den Opa heiraten, aber er muss neu sein – ich werf mich weg vor Lachen.
Da fällt mir auch eine lustige Geschichte ein, die sich in unserer Familie zugetragen hat. Die Enkelin sah ihre Oma zum ersten Mal mit nacktem Oberkörper und schaute sie interessiert an. Als die Oma sie dann fragte, was sie denke, meinte sie nur trocken:
„Hm, die Mama hat auch so Busen, aber die sind nicht so lang 🤭.“
Hab ein schönes Wochenende
Antonette
Liebe Antonette,
vielen Dank für deine Geschichte. Kindermund tut Wahrheit kund, sagt schon ein altes Sprichwort. Und ganz oft ist es herrlich zum Schmunzeln, was aus diesen Mündern herauskommt.