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Stoffherz mit Rosen und Ringen

Langsam knöpft er sein weißes Hemd zu. Heute ist der Tag. Er soll hübsch aussehen, sagen seine Frau und die Kinder. Dabei mag er lieber in Arbeitskleidung gehen. Da fühlt er sich wohler, als in so einem Festtagsanzug. Sein Spiegelbild zeigt ihm einen grauhaarigen, fast glatzköpfigen Mann mit Bierbauchanatz. Skeptisch beäugt er sich und ruckelt die dunkelblaue Anzugshose zurecht. Dann wirft er die Hosenträger über und schnippst sie zu. Eins, zwei, drei, vier. So. Jetzt sitzt die Hose so, wie er es gerne möchte.

Jetzt noch die passende Krawatte. Oder doch lieber eine Fliege? Ach. Wenn schon, dann nehme ich die Krawatte, denkt er und zieht einen schicken Schlips mit zarter, goldener Verzierung aus dem Schrank und legt ihn an. Damit wandern seine Gedanken zu seiner Frau, die ihm die Krawatte zu einem anderen festlichen Anlass mal geschenkt hatte. Sie würde sich zum heutigen Anlass sicher auch sehr hübsch machen. Wo war sie eigentlich? Irgendwo im Haus musste sie doch stecken!

Mit diesem Gedanken schlüpft er in das Sakko und geht ins Bad, um die letzten Schönheitsarbeiten an sich auszuführen. So. Fertig. Jetzt konnte es losgehen.

„Ach, da bist du ja.“ Seine Frau kommt ihm entgegen. Es bleibt ihm fast der Atem weg, so schön ist sie heute. Alles ebenmäßig und wunderbar aufeinander abgestimmt. Sie hakt sich bei ihm ein und gemeinsam gehen sie zur Kirche deren Glocken schon zum Festgottesdienst rufen. Das Portal ist heute mit weißen Rosen und einer goldenen 50 geschmückt. Ja, vor 50 Jahren waren er und seine Frau auch diesen Weg gegangen. Lang, lang war es her. Viele schöne und schwere Stunden hatten er und seine Frau seitdem gemeinsam erlebt.

Er sieht liebevoll auf sie herab und drückt sanft ihren Arm, während sie durch den Mittelgang der Kirche gehen, der rechts und links von Festgästen gesäumt ist. Wie damals. Und wie damals, so ist auch heute ganz vorne ihr gemeinsamer Platz. Nur eines hat sich verändert. Es predigt ein anderer Pfarrer.

Die Kinder gestalten das Programm mit Rückblicken auf die gemeinsamen Ehejahre. In seinen Gedanken kommen und gehen viele Erinnerungsbruchstücke bis der Pfarrer die Kanzel betritt. Nun ist er voll und ganz bei der Sache. Er kennt seinen Trautext genau und auch die übliche Auslegung dazu. Aber was ist denn das? Der Pfarrer liest zwar den Text, legt ihn aber völlig anders aus, als er es gewohnt ist. Fast will er sich darüber ärgern. Dann entscheidet er, es nicht zu tun. In den vielen Jahren seines Lebens hat er gelernt, dass er alleine für seine guten oder schlechten Gedanken zuständig ist.

Als Höhepunkt ist geplant, dass sie sich gegenseitig noch etwas sagen, was sie unbedingt möchten, was der Andere wissen soll. Er weiß schon, dass er zu seiner Frau sagen wird, dass er sie noch immer liebt. Was sie wohl zu ihm sagen wird?

Dann ist es soweit. Sie beide stehen auf und drehen sich einander zu. In diesem Moment blendet er alles um sich herum aus. Jetzt gibt es nur noch ihn und seine Frau. Nachdem er ihr gesagt hat, dass er sie nach so vielen Jahren immer noch liebt, stehen kurz einige Augenblicke des Schweigens zwischen ihnen. Sie atmet tief ein und sagt dann laut und deutlich:

„Du bist das schönste Geschenk, das ich je in meinem Leben bekommen habe.“

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Es war wieder einmal #Blognacht mit Anna. Das ist Zeit für meine Kreativität und die Möglichkeit, über den Impuls nachzudenken, den es in jeder Blognacht gibt. Heute hieß der Impuls: Mein schönstes Geschenk. Dieser Artikel war nicht mein, sondern sein Geschenk. Ich möchte es gerne mit dir teilen. Gibt es für dich auch eine Person, die für dich das schönste Geschenk bedeutet? Ich freue mich über deinen Kommentar.