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Mir geht es schlecht. Ich bin total überfordert. Meine Arbeit mit unseren drei Kindern wächst mir über den Kopf. Und nun das!

„Sag mal,“ fragt mich Hilde, „Bist du schon wieder schwanger?“ Hilde ist eine ältere Frau, die mich öfter besucht und mich aus ihrem eigenem Wunsch bei meiner Familienarbeit unterstützt.

„Ja. Woran merkst du das?“

„Ach. Das sieht man dir an.“

„Moment. Bin gleich wieder da.“ In Windeseile renne ins Bad und übergebe mich. Als ich zurückkomme sitzen unsere zwei großen Mädchen neben ihr und lauschen, wie sie aus einem Bilderbuch vorliest. Die Eineinhalbjährige liegt schlafend im Körbchen daneben.

„Danke, dass du da bist. Solange die Kinder bei dir sind, leg’ ich mich noch ein bisschen hin.“ Auf wackligen Beinen gehe ich zum Sofa und mach es mir mit einer Decke und einem Kissen so bequem wie möglich. Hildes ruhige Vorlesestimme bringt die Kinder und mich für einen kurzen Mittagsschlaf ins Land der Träume.

Als ich Abwaschgeräusche aus der Küche vernehme, werde ich wach. Es geht mir etwas besser und gleich meldet sich das schlechte Gewissen.

Bist doch eine schlechte Hausfrau und Mutter. Hilde bekommt alles viel besser auf die Reihe als du.

In der Küche ist sie schon fast damit fertig, alles picobello sauber zu machen. Sie lässt mich auch nicht mehr helfen und so stehe ich in meiner eigenen Küche etwas deplaziert herum. Dann dreht sich Hilde um, lehnt sich an das glänzende Abwaschbecken und schaut mir tief in die Augen.

„Ich finde, das mit der jetzigen Schwangerschaft, das hättest du dir mit deinem Mann vorher überlegen sollen. Es ist dir alles zu viel. Und das nächste Kind wirst du nicht mehr schaffen. Ich habe mir überlegt, dass du es wegmachen lassen kannst. Ich kenne da einen Arzt, bei dem ist das in null Komma nichts erledigt. Du brauchst gar nichts zu machen, außer zu dem Termin zu erscheinen, den ich für dich machen werde.“

Mir wird wieder schwindlig und unsere Große erscheint mit verschlafenen Äuglein in der Küchentür.

„Danke Hilde.“ Im Beisein unseres Töchterchens will ich über das Thema nicht mit Hilde diskutieren. Außerdem fühle ich mich schwach. Aber in mir brodelt es.

Was bildet die Frau sich eigentlich ein, sich in meine Angelegenheit einzumischen?

Hilde langt nach ihre Jacke und geht zur Tür. „Überleg es dir bald. Sonst ist es zu spät. Morgen komm ich wieder zur gleichen Zeit.“ Sie winkt noch unserer Großen zu und geht dann.

Ich weiß nicht, wie der restliche Nachmittag vergangen ist. Jedenfalls bin ich sehr froh, als mein Mann abends von der Arbeit nach Hause kommt. Mit ihm gemeinsam schaffe ich es besser, meinen Alltag zu bewältigen. Nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, erzähle ich ihm, was Hilde gesagt hat.

Er tippt sich mit dem Finger an die Stirn und sagt: „Die spinnt ja! Keines unserer Kinder wird einfach so weggemacht! Wir wollen das Vierte genau so gerne, wie die anderen drei davor. Du und ich, wir schaffen das gemeinsam. Lass dir von Hilde bloß nichts einreden.“

„Ich bin ganz deiner Meinung. Aber heute Nachmittag war ich einfach zu schlapp, um Hilde zu widersprechen.“

„Ich ruf Hilde an, dass sie die nächsten Tage mal nicht kommt. Sie tut dir nicht gut. Auch wenn im Moment nicht alles perfekt ist. Hauptsache du bist für unsere drei Mädchen da. Das ist das Wichtigste.“

Mein Mann klärt die Sache mit Hilde und mit der Zeit geht es mir auch wieder besser. Neun Monate später dürfen wir mit unserer jüngsten Tochter das Mädchen-Quartett voll machen.

Wir haben damals JA zum Leben unserer jüngsten Tochter gesagt und haben es nie bereut. Und sie natürlich auch nicht.

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Vielen Dank an Gabi Kremeskötter, die zur Blogparade „Wie/Wozu hast zu JA gesagt – und was ist daraus geworden?“ aufgerufen hat.

Wie ein Kind

Warm spüre ich die kleine Hand meiner vierjährigen Enkelin in meiner Hand. Der geschotterte Waldweg unter unseren Schuhen knirscht im Takt mit unseren Schritten. Auf einen Schritt von mir kommen drei von ihr. Ich stimme ein Kinderlied an.

Mittendrin ruft die Kleine: „Oma. Was ist das?“

Ich höre auf zu singen, bleibe stehen und lausche.

„Das ist ein Eichelhäher, der da krächzt.“

Die Kleine lauscht auch und legt ihr kleines, blondes Köpfchen in den Nacken. Ihre tiefblauen Augen schauen in die Gipfel der Bäume am Wegrand.

„Da!“ Sie zeigt in den Wald hinein und ich sehe, wie dort gerade der Eichelhäher ein Stück weiterfliegt.

Die Kleine drückt sich an meine Beine und streckt die Ärmchen hoch. Ich nehme sie auf meinen Arm. Nahe an ihrem Ohr erkläre ich leise:

„Wenn der Eichelhäher schreit, dann sind noch andere Tiere in der Nähe.“

Wenige Augenblicke später sehen wir in einiger Entfernung ein Reh über den Waldweg springen. Die Kleine ist ganz still und hält fast den Atem an.

„Oma. Hat das Angst vor uns?“ Fragend richtet sie den Blick auf mich, als das Tier verschwunden ist.

„Wahrscheinlich. Für die Waldtiere ist der Mensch ein Eindringling und ein Feind. Komm lass und umdrehen und am Waldrand auf den Spielplatz gehen.“

„Oh ja. Ich will runter, Oma.“

Ich stelle die Kleine mit ihren Füßen auf den Weg und will wieder ihr Händchen halten. Aber sie ist schnell und rennt mir davon. So schnell es meine Rückenschmerzen zulassen, folge ich ihr. Mitten auf dem Weg hat sie angehalten und sich in die Hocke gesetzt. Sie schaut still vor sich hin und betrachtet etwas.

„Oma. Was ist das?“

„Das ist eine eine Weinbergschnecke, die immer ihr Haus mit sich trägt. Schau mal. Das sind ihre Fühler.“ Ich zeige vorsichtig darauf.

Die Kleine tippt ganz langsam mit ihrem Zeigefinger auf einen der Fühler. Die Schnecke zieht die Fühler sofort ein und verkriecht sich in ihrem Haus.

„Siehst du,“ erkläre ich, „deine Finger sind für die Schnecke fremd. Sie bringt sich dann in ihrem Haus gleich in Sicherheit.“

Mein Enkelchen bleibt noch eine Weile in der Hocke sitzen und wartet, bis die Schnecke wieder aus ihrem Haus kommt.

„Mags du mit mir weitergehen bis zum Spielplatz?“

Ohne zu antworten springt sie auf und rennt noch ein Stück den geschotterten Waldweg entlang. Es dauert nicht lange, da bleibt sie wieder stehen.

„Oma, was ist das?“, fragt sie mich, als ich bei ihr bin.

Mein Blick folgt ihrem Zeigefinger, mit dem sie auf den Boden zeigt.

„Das ist eine Ameisenstraße. Schau mal, wo die alle hingehen. Siehst du dort? Da wohnen sie.“

Mein Enkeltöchterchen geht vorsichtig neben der Ameisenstraße entlang bis zu dem großen Haufen auf dem es nur so wimmelt mit roten Ameisen. Dort setzt sie sich wieder in die Hocke und beobachtet. Einige von den Ameisen kann man nicht sehen, weil sie ein großes Blatt über sich tragen.

„Schau mal. Die Ameise ist so ein kleines Tier und kann etwas tragen, was viel größer ist, als es selbst. Das können wir Menschen nicht.“

Die Kleine schaut zu mir hoch. „Aber mich kannst du doch tragen, Oma. Ich bin müde.“

„Klar. Das kann ich. Bis zum Spielplatz, ja?“

„Juchu,“ ruft sie und springt an mir hoch. Dann gehen wir singend das letzte Stück des Weges bis zu unserem Ziel.

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Birgit Buchmayer hat zur Blogparade aufgerufen. Das Thema war: Achtsam entspannt. Meine Methode ist dabei ganz einfach. Ich gehe mit meinem kleinen Enkeltöchterchen im Wald spazieren. Entspannt, stressfrei und müde kehren wir beide dann wieder nach Hause zurück.