Ganz wie Mutter
„Darf ich mich neben Sie setzen?“ Eine schlanke junge Frau beugt sich zu mir herab und zeigt auf den Platz zu meiner Linken. Ich hatte eben meine große Damenhandtasche auf der durchlöcherten Metallbank abgestellt, auf der ich warten will, bis mein Anschlusszug kommt.
„Bitteschön. Ich habe den Platz nicht reserviert.“ Ich greife nach meiner Handtasche und nehme sie an mich.
„Danke“, seufzt sie erleichtert. Sie zieht die breiten Träger ihres Rucksacks über die Schultern und stellt ihn auf den Boden. Dabei verzieht sie ihr Gesicht, als hätte sie Schmerzen. Dann setzt sie sich und nimmt den Rucksack zwischen ihre Knie.
Ihr Rucksack ist überall dick ausgebeult und wenn ich es richtig überlege, scheint er für die zierliche junge Frau fast zu schwer. Was sie wohl alles drin hat? Ob sie wohl weit reist? Nun ja. Das geht mich ja nichts an. Bahnhöfe haben es so an sich, dass man einander fremd bleibt.
Sie beugt sich leicht nach vorne und fingert an ihrem Rucksack herum. Reißverschluss auf, Reißverschluss zu. Reißverschluss auf, Reißverschluss zu. Ihre langen, dünnen Finger fahren unruhig in die prall gefüllten Fächer. Ich beobachte sie und hoffe, dass sie es nicht merkt. Dabei stelle ich fest, dass sie eine sehr kantige Kopfform hat und fast harte Gesichtszüge. Oder sind es eher traurige Züge? Jedenfalls sind ihre Lippen so fest zusammengepresst, dass es aussieht, als wären sie nur ein Strich.
Als sie sich wieder aufrichtet, treffen sich unsere Blicke. Etwas an ihr berührt mich. Ich kann nicht anders, als ein Gespräch zu beginnen.
„Sie haben wahnsinnig schöne, wasserblaue Augen. Das sieht man selten.“
Sie blinzelt und lächelt. Sofort wirkt ihr Gesicht weicher. „Danke. Das hat mir bisher noch niemand gesagt. Wie kommen Sie denn darauf?“
„Ach. Sie erinnern mich ein wenig an eine meiner Töchter. Die hat auch fast so eine Augenfarbe.“
„Und Sie finden das schön?“
„Natürlich. Ich liebe meine Töchter doch. Da kann ich doch gar nicht anders, als sie auch schön zu finden.“
„Wirklich? Da sind Sie aber eine große Ausnahme. Die meisten Mütter sagen so etwas nicht.“ Über ihr Gesicht geht ein Schatten.
„Hat Ihnen Ihre Mutter das nicht gesagt?“
„Nein.“ Fast harsch kommt ihre Antwort. Nach einer kleinen Pause fragt sie: Wie viele Töchter haben Sie denn?“
„Vier. Aber sie sind alle schon groß und selbständig. Sie wohnen nicht mehr bei mir zu Hause.“
„Finden Sie das traurig?“
„Ja. Natürlich. Aber so ist der Lauf der Welt. Wenn die Kinder flügge werden, fliegen sie davon.“
„Sind Ihre Töchter Ihnen ähnlich?“ Ihre Frage kommt unvermittelt.
Ich muss kurz schlucken und überlege, ob ich der fremden jungen Frau neben mir auf diese Frage eine Antwort geben will. Dann entscheide ich mich dafür. Irgendwie weckt sie meine mütterlichen Züge.
„Wissen Sie was? Das können Sie gerne selbst entscheiden.“ Kaum habe ich diesen Satz ausgesprochen, verfinstern sich ihre Gesichtszüge. Wie ein trotziges Kind lehnt sie sich zurück und verschränkt die Arme. Ihre Lippen presst sie zu einem Strich zusammen.
„Was, ich? Wie soll das gehen? Ihre Töchter sind doch nicht da.“
„Warten Sie einen kleinen Moment. Ich habe ein Foto dabei. Da können Sie mal versuchen, herauszufinden, ob meine Töchter mir ähnlich sehen. Ob sie mir ähnlich sind? … Manche Leute, die uns kennen, sagen es. Ich bin mir da nicht ganz sicher. … Sind Mütter bei so einer Aussage nicht immer sehr voreingenommen.?“
Sie antwortet nicht. Ich spüre ihren Blick, während ich in meiner Handtasche nach dem Foto krame. Dabei finde ich auch eine Kekspackung.
„Hier nehmen Sie einen Keks. Sie sind so zierlich, dass Sie es bestimmt gebrauchen können.“
Sie entspannt sich wieder, greift danach und beißt von dem schokoladigen Kekskringel ab. Wie schön ist sie, wenn sie ihre Fassade ein wenig fallen lässt, durchfährt es meine Gedanken.
„So. Schauen Sie hier. Das sind meine vier geliebten Schätze.“
Ihre wasserblauen Augen streifen mich, als wollte sie mich etwas fragen. Dann vertieft sie sich in das Foto meiner vier Töchter. Vorsichtig fasst sie es an der einen unteren Ecke an.
Lange betrachten wir das Bild schweigend. Unsere Köpfe sind dicht beieinander. Was sie wohl denkt, überlege ich und merke, dass ihre Gesichtszüge ganz traurig werden. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Dann schluckt sie laut und vernehmlich.
Endlich sagt sie: „Ich finde, Ihre Töchter sehen Ihnen alle ähnlich.“ Dann lässt sie das Foto los, kramt ein Taschentuch aus ihrem Rucksack und schnäuzt sich heftig.
Ich spüre, dass da etwas ist, was die junge Frau bedrückt, aber ich möchte mich nicht aufdrängen. Nur ganz sanft streichle ich ihren Arm.
„Erzählen Sie etwas von Ihren Töchtern. Bitte. Wie waren sie als Kinder?“
Eigentlich erzähle ich keinen wildfremden Leuten auf irgendeiner durchlöcherten Bank an einem Bahnhofsgleis etwas über meine Familie. Doch die junge Frau bringt die mütterlichen Züge in mir zum Klingen. Ich überlege kurz und gebe dann ausgewählte Geschichten zum Besten.
„Also. Das Lustigste bei unserer ältesten Tochter war, als sie sich mit fünf Jahren in die Hocke zwischen Bett und Schrank gesetzt hat. Es war dort so eng, dass nur sie Platz hatte. Meistens war sie ganz still, wenn sie in ihrem Versteck saß und Comics auf ihren Knien hatte. Aber manchmal aus heiterem Himmel hat sie laut gelacht. Da wusste ich, dass sie eine witzige Stelle gefunden hatte. Wunderlich an der Sache war nur, dass sie zu dieser Zeit noch gar nicht lesen konnte.“
Ich lache in Erinnerung daran und merke, dass sich die Gesichtszüge der jungen Frau langsam entspannen. Also sinne ich kurz darüber nach, welche Geschichte ich von meiner zweiten Tochter erzählen will.
„Unsere zweite Tochter hat eine Weile gebraucht bis sie sicher laufen konnte. Ich habe sie deshalb ab und zu in einen Laufstuhl mit Rollen gesetzt. Als sie heraus hatte, wie sie sich bewegen konnte, stieß sie sich mit den Zehenspitzen ab und schoss durch den ganzen Flur unserer Wohnung. Einmal wäre sie fast gekippt, aber ich habe sie gerade noch erwischt. Kurz darauf lief sie ganz hervorragend und der Laufstuhl war nicht mehr nötig.“
Bei dem Wort „schoss“ mache ich eine schnelle Bewegung mit meiner rechten Hand, so dass ein leichter Luftzug entsteht. Die junge Frau neben mir zieht die Luft durch die Zähne.
„Haben Sie da nicht mit Ihrer Tochter geschimpft?“ Sie schaut mich fragend an.
„Nein. Warum sollte ich? Es gab doch keinen Grund. Dem Kind hat es Spaß gemacht. Das war mir die Hauptsache.“
„Jetzt noch Geschichten der anderen beiden Töchter. Bitte!“ Der flehentliche Blick aus ihren wasserblauen Augen trifft mich kurz, bevor sie wieder auf das Foto schaut.
„Also unsere dritte Tochter war sehr eigenständig, als sie klein war. Beim Krabbeln war sie sehr flott. Da trug es sich eines Tages zu, dass meine Schwester mit ihrer Schäferhündin zu Besuch kam. Diese Schäferhündin legte sich in der hintersten Ecke unseres Gartens zu einem Schläfchen hin. Als vielbeschäftigte Mutter habe ich nicht sofort gemerkt, dass unsere Dritte zur Terrassentür rausgekrabbelt war. Als ich sie dann suchte, fand ich sie schlafend mit ihrem kleinen Köpfchen auf dem Bauch der großen Schäferhündin.“
Mit weit aufgerissenen Augen hat die junge Frau zugehört. „Da hätte doch allerhand passieren können,“ sagt sie mit entsetztem Ton.
Ich lache in Erinnerung daran. „Ist aber nicht. Und dafür war ich sehr dankbar. Später hatten wir später selbst einen Hund. Unsere dritte Tochter war immer eine Hundemama und ist es auch heute noch.“
Die Gesichtszüge meiner Nebensitzerin entspannen sich langsam wieder. „Und was war mit der Jüngsten?“
„Ja. Welche Geschichte ist da zu erzählen? Unser viertes Töchterchen hat nämlich nicht gerade wenig angestellt. Da muss ich jetzt eine Geschichte auswählen.“ Schmunzelnd krame ich in meiner Erinnerung.
„Bitte“, sagt sie noch einmal.
„Also. Da muss ich ein wenig ausholen und ausführlicher erzählen. An unserer Terassentür hatte ich eine lange Gardine, die von der Decke bis nach unten reichte. Meistens blieb diese Gardine von den Mädchen unbehelligt, denn sie spielten mit anderen Sachen oder auch miteinander. Aber an diesem Tag hatte sie die Aufmerksamkeit unserer jüngsten Tochter auf sich gezogen. Das kleine, damals etwa fünfjährige Mädchen wickelte sich in dieser Gardine ein und wieder aus. Dieses Spiel hat sie mehrmals wiederholt und dabei immer gesungen: Ich bin ein Engel. Ich bin ein Engel. Das ging so lange, bis es dem kleinen Engel schlecht wurde und sie auf den Hosenboden plumpste.“
Nur wenige Augenblicke bin ich in meiner Erinnerung viele Jahre zurück. Da spüre ich, wie die junge Frau neben mir die Arme um mich legt und den Kopf an meine Schulter lehnt. Sie wird vom Weinen geschüttelt. Ich lasse sie lange weinen. Dann löst sie sich und schaut mich an. Ihre wasserblauen Augen scheinen wie das weite Meer und ihre Gesichtszüge erinnern mich an einsame Inseln darin. Mit dem Handrücken streiche ich ihr sanft über die Wange.
„Können Sie nicht meine Mutter sein?“ Sehnsucht liegt in ihren Worten.
Das Foto meiner Töchter in der Hand schaue ich sie traurig an. Sagen kann ich nichts.
Dann strafft sie sich und der abweisende, harte Zug in ihrem Gesicht kommt wieder zum Ausdruck. Sie lauscht der Durchsage des Bahnhofslautsprechers.
„Ich muss gehen. In einer Stunde sehe ich zum ersten Mal meine leibliche Mutter.“
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Gabi Kremeskötter hat zur Blogparade zum Thema „Liebe – Verlust – Aufbruch“ eingeladen. Dies hier ist mein Beitrag dazu. Danke, dass du diese Geschichte gelesen hast. Ich freue mich, wenn du sie kommentierst.




Liebe Edith,
wow, was für eine Geschichte!
Ich danke dir so sehr für diese Erzählung! Sie steckt voller Liebe auf der Seite der Mutter und voller Schmerz und unbekanntem Verlust bei der jungen Frau.
Ihr Aufbruch zum noch fremden Menschen, der ihre Mutter ist, zeugt von Mut, dem Gefühl des Verlassenwordenseins ein Erkennen entgegenzusetzen.
Ich wünsche der jungen Frau eine befreiende Begegnung!
Danke, dass du diese Geschichte geschrieben hast und sie meiner Blogparade widmest 🙂
Da schlägt mein Herz als liebende Mutter, aber auch als Dozentin für KREatives Schreiben, einen Purzelbaum vor Freude …
Herzlichst
Gabi