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Raus mit der Geschichte, am Elbhang,

„… und wurde zerstört.“ Das ist der letzte Teilsatz auf einem unscheinbaren Schild im Wald, das darauf hinweist, dass dort früher eine Burg gestanden hat. Bei meinem gemütlichen Spaziergang im Wald wäre ich fast darüber gestolpert. Ich bin neugierig und folge dem ausgetretenen Trampelpfad, der an dem Schild vorbei führt.

„Wow!“ Ich bin begeistert von dem was ich sehe. Vor meinem inneren Augen nämlich. Von außen ist nichts als ein viereckiger, mit Gras bewachsener Platz zu sehen. Dieser Platz ist auf einer Seite mit Holzstämmen abgesperrt auf dem ebenfalls ein Schild angebracht ist. „Vorsicht Lebensgefahr“ steht da. Baumhoch geht es direkt vor mir in die Tiefe. Dort rauscht der Strom, der gerade Hochwasser trägt. Und auf der anderen Seite des Stromes kann man bis weit ins Land hinein sehen.

Nun rattert es in meinem Gehirn. Wie im Kino läuft in mir ein Film ab, der Antworten gibt zu den Fragen, die ich mir stelle. Wer hat auf dieser Burg gewohnt, als sie zerstört wurde? Wie viele Menschen lebten da? Wer hat die Zerstörung angeordnet? Aus welchem Grund? Hat jemand dieses Desaster überlebt? Wie hat dieser Jemand den Verlust von den Menschen um sich herum verarbeitet? Was waren das für Menschen? Hatten die Partner und oder Kinder? Wie fühlten die Menschen sich kurz vor der Zerstörung? Wie haben sie gelebt?

Mein Kopfkino beantwortet Frage für Frage und formuliert eine Geschichte. Eine Geschichte zu der Geschichte, die ganz emotionslos auf diesem beiläufig am Wegrand entdeckten Schild gestanden hat. In meinem Kopf lebt sie.

Jetzt will sie raus aus meinem Kopf. Sonst platzt er. Fühlt sich jedenfalls so an.

Und dann schreibe ich. Und schreibe. Und schreibe …

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Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen von Annas Blogparade „Schreiben über das Schreiben.“ Schreibst du auch? Mach doch einfach bei der Blogparade mit.

Edith schreibt

Klein Edith sitzt ganz vorne in der ersten Reihe der Schulbänke. Die Lehrerin hat das so bestimmt. Vorne an der Tafel stehen Buchstaben. Die sollen fein säuberlich mit dem Bleistift in das Heft übertragen werden. Schwer liegt die Hand von Klein Edith auf dem Tisch und die Finger krallen sich um den Bleistift. Obwohl die Linien im Heft schon vorgezeichnet sind, kann Klein Edith die Buchstaben nicht hundertprozentig genau nachschreiben. Oft bekommt sie zu hören: „Das hast du nicht so schön gemacht. Mach es noch einmal.“

Klein Edith stöhnt und schreibt. Sie spürt am eigenen Leib, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Von ihrem liebevollen Vater aber lernt sie eine Eselsbrücke, mit der dann so manche Übungsstunde versüßt wird. Sie lautet: Auf, ab, auf. Pünktchen drauf. Und so lernt Klein Edith nicht nur das kleine i in Schreibschrift, sondern im Laufe der ersten Klasse alle Buchstaben des Alphabeths. Noch krakelt sie etwas auf den Heftseiten herum, aber die erste große Hürde des Schreibenlernens ist geschafft.

Mit 16 Jahren sitzt Edith wieder in der ersten Reihe in einem Klassenzimmer und lernt schreiben. Dieses Mal eine ganz neue Schrift, die man Kurzschrift nennt. Auch jetzt sind die Linien im Heft vorgegeben. Es kommt sehr auf die Genauigkeit an, denn je nach dem, auf welcher Linie sich ein Zeichen befindet, ist die Bedeutung des geschriebenen Wortes anders. Es heißt für Edith also, wie in der ersten Klasse, oft zu üben und zu wiederholen. Der i-Punkt, auf den sie in der ersten Klasse so viel Wert legen musste, bedeutet jetzt ein ganzes Wort.

Ungefähr ein Jahr dauert es, bis Edith die meisten Zeichen und Kürzel der Kurzschrift schreiben kann. Und jetzt kommt es auf die Schnelligkeit an. Hui, wie macht das Spaß zu sehen, wie der Bleistift über das Papier fliegt.

Dreißig Jahre später sitzt Edith an einem kleinen Einzeltisch in einem großen Lehrsaal. Rechts und links neben ihr sitzen Kandidaten, die dasselbe vorhaben. Vor ihr liegen lose Blätter mit Linien, auf denen sie demnächst repetiert, was sie gelernt hat. Nach vier Jahren Weiterbildung für das Abitur über Fernschule ist heute die Deutschprüfung an der Reihe. Als sie die Aufgabenstellung liest, schmunzelt sie. Es ist ein gutes Thema. Darüber lässt sich etwas schreiben.

Und dann scheibt sie was das Zeug hält. Es fließt und fließt. Nach drei Stunden gibt sie ab und glaubt daran, dass ihre geleistete Arbeit gut bewertet wird.

Auch heute sitzt Edith vor einem linierten Block und schreibt. Obwohl man doch heutzutage alles in den Computer schreibt. Aber Edith liebt es, mit dem Bleistift auf liniertes Papier zu schreiben. Das Kratzen auf dem Papier ist wie angenehme Hintergrundmusik, bei der sie ihre Gedanken und Ideen einfach vom Kopf durch die Hand auf das Papier fließen lassen kann.

Und so entsteht manche Geschichte, manches Gedicht oder auch mancher Blogbeitrag. Besonders gerne schreibt Edith in der Blognacht mit Anna Koschinski und anderen bekannten und unbekannten Schreiberlingen. Mit jedem entstandenen Werk stellt sie fest, dass sie das Schreiben nicht mehr lassen kann. Es ist eine heimliche Hoffnung in ihr, dass sich das Sprichwort bewahrheitet: Wer schreibt, der bleibt.

Schreibst du auch gerne? Verrate mir doch in einem Kommentar, was du schreibst.